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Auszeichnungen

  • Prix Pantheon "Klotzen und Glotzen" 2006
  • Tuttlinger Krähe Publikumspreis 2006
  • St. Ingberter Pfanne 2005

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Eine Zigarette...

... KLEMMT IM MUNDwinkel. RAUCH WIRD AUSGESTOSSEN. DIE STIMME, DIE FOLGT, IST ANGERAUHT UND VOLL. ERZÄHLT EINE ANEKDOTE. AUSGEMALT IN ALLEN EINZELHEITEN, SEHR DIREKT. EIN LIED PASST DAZU. DIE STIMME TRÄGT IN DEN TIEFSTEN UND HÖCHSTEN TÖNEN. FLOTT WECHSELT SIE DIE TONLAGE FÜR DIE NÄCHSTE GESCHICHTE. WESSEN STIMME? HIER KOMMT KAY RAY.

 

Stand-Up Comedian, Kabarettist oder Sänger? Gibt es eine passende Schublade?

Stand-Up Comedy mache ich nicht im deutschen Sinne, denn das würde heißen, einen Text auswendig zu lernen und ihn vor Publikum auf seine Tauglichkeit zu überprüfen. Näher ist mir die Stand-Up Comedy im amerikanischen Sinne: "Geh auf die Bühne und reagiere auf das was passiert!" Insofern sehe ich mich mehr als Entertainer denn als Comedian. Kabarettist? Kommt eher hin. Ich sehe dann den Conférencier, den Durchgeknallten, aus dem Musical "Cabaret" vor mir. In diesem Sinne verstehe ich mich als grenzwertig reisenden Moderator eines Kabaretts. Ich gehe überall an die Grenzen, auch im Bereich Comedy. Ich versuche die Gegensätze auszuloten. Ich spiele extrem mit Worten und konventionellen Ansichten und tummele mich auch gern unter der Gürtellinie. Ich bin politisch unkorrekt und versuche das mit schönen Balladen auszugleichen.

 

In der Mitternachtsshow im Schmidts Tivoli beispielsweise geht die Show erst weiter, wenn "Stefan mit dem Streifenpulli" von der Toilette zurück ist. Gibt es einen fertigen Text?

Es gibt fertige Textfragmente. Meine Kunst liegt darin, im richtigen Moment, den richtigen Textbaustein parat zu haben. Ich stelle mir gerne eine Apotheke vor, darin ein Apothekenschrank mit Tausenden von Schubladen. Und in jeder sind Sätze, Wörter und Gesten. Je nachdem was passiert, ziehe ich eine auf und greife hinein. Insofern sind meine Shows improvisiert, da jeden Moment etwas Neues auf der Bühne entstehen kann.
Das Warten auf die Rückkehrenden von der Toilette ist schon ein Klassiker. Neulich gab es eine Situation, die meine Art der Improvisation beschreiben kann. In der Geschichte nehme ich das Oma-Englisch auf die Schippe, also trage englische Wörter konsequent deutsch vor. Eine Frau sagte: "Mein Gott, das heißt nicht Take Tat, sondern Take That." Ich antwortete ihr: "Mein Gott! Und sie glauben jetzt ich wüsste das nicht. Ich hatte auch mal so eine vorlaute Frau wie sie, seitdem bin ich schwul". Das ist ein sehr schöner Satz und ich liebe ihn. Später sang ich ein Lied von Zarah Leander. In einer Kay Ray Version.  Ich guckte die Frau an und nahm ihren Protest vorweg. "Ich weiß, wie das Lied geht. Nicht dass sie gleich wieder aufstehen", sagte ich. Das ist dann die Kunst der Improvisation. Zurückspulen. Vorspulen. Meine Show lebt. Sie ist nicht abgespult. Niemals. Sie lebt einfach immer.

 

Kay Ray
© Andreas Elsner

 

Wie kommen die Gesten und Wörter in die einzelnen Schubladen?

Sie kommen aus allen Bereichen, aus allem was mich umgibt. Ich sehe eine Geste und gucke sie mir ab. Selbst mein Make-up, meine Kostüme und meine Bewegungen auf der Bühne entstehen auf diese Weise. In Zukunft wird wohl die eine oder andere Bewegung von Michael Jackson zu sehen sein, einfach weil ich nach seinem Tod viele Videos von ihm gesehen habe. Kleinigkeiten, die ich aufschnappe und dann einbaue. Auch emotionale Gegensätze mag ich. Ein gutes Beispiel ist hier ein Konzert von Cindy Lauper. Sie singt "Money changes everything" und währenddessen haut und klopft sie auf die Bühne ein. Dann ist das Lied zu Ende, sie guckt völlig fertig in den Scheinwerfer und haucht die letzten Buchstaben aus. Solche Sachen schaue ich mir ab. Manchmal sind es auch Sätze aus der Zeitung. Ein Journalist schrieb über meine Show: "Mittlerweile fährt man ja nicht mehr ins Musical sondern man bucht das komplett mit Hotel, quasi ein Rührstück mit Übernachtung." Dieses Zitat hat seinen festen Platz in meinen Shows gefunden, ohne dass ich mir diese Bemerkung notiert hätte. Ich habe ein fotografisches Gedächtnis, das ist das Geheimnis. So kann ich mich auf der Bühne in ein Thema verballern und dann fallen mir die passenden Kommentare, Zitate und Anekdoten ein.

 

"Witzigkeit kennt keine Grenzen." Gibt es Tabuthemen?

Das Publikum soll Spaß haben. Das ist mir ganz wichtig. Und solange das Publikum den hat, gehe ich mit. Ich lasse mich gern über Menschen in der Öffentlichkeit aus. Ich schimpfe auch mal: "Merkel, du blöde Sau!" Aber ist das beleidigend, wenn das Publikum wunderbar damit leben kann? Wenn aber jemand zur Toilette geht und ich rufen würde: "Sie, blöde Sau! Das ist für mich beleidigend.
Eine andere, aber seltene Geschichte. Ich mache manchmal Witze über Juden, genauso wie ich Witze über Christen und Muslime mache. Und manchmal kommt der Hauch des Judenhasses im Publikum auf, eine Hau-Drauf-Stimmung ist spürbar. Neben dem normalen Lachen über eine Pointe gibt es da ein hasserfülltes Lachen. Wenn ich das höre, ändere ich das Stück, denn das überschreitet eine eindeutige Grenze.

 

Kay Ray
© Andreas Elsner

 

Wie kommt man auf die großen Bühnen?

Das ist jahrelange Arbeit. Richtig harte Arbeit. Ich bin nicht der Kasper, der vom Himmel gefallen ist. Eher ist es eine Studie wie das Publikum sich verhält. Wie eine Figur das Publikum führen kann.
In meine Shows kommen sowohl ganz junge als auch ganz alte Menschen und ich nehme sie alle mit. Die Älteren kriege ich, indem ich den guten Schwiegersohn mime. Mit einem Augenzwinkern selbstverständlich. Die Jüngeren, indem ich ordinäre Geschichten raushaue. Und trotzdem habe ich für alle diesen Knuddeleffekt. Denn da ist Bauch und Herz mit dabei. Der Apothekerschrank alleine sorgt nicht für die Unterhaltung, sondern ich. In einer Art Seelenstriptease erfahren die Menschen sehr viel über mich an einem Abend.
Ich hab immer auf meinen Bauch gehört und alles was ich mache, immer weiter entwickelt. Mit 16 Jahren wurde mir klar, dass ich auf die Bühne will. Damals war ich Gast in einer Show, wurde auf die Bühne geholt und sollte veralbert werden. Ich drehte das Spiel um und nahm die Show in meine Hände. Der Spaß am Unterhalten war entdeckt. Hinzu kam das Streben nach Perfektionismus, eine Show zu entwickeln, die meine eigene Show ist. Immer auf der Suche, wie ich die Menschen zum Lachen bringe, sie kriege und nicht mehr loslasse. Sie sollen möglichst lange lachen und lange bleiben. Und sie sollen auch über Sachen lachen, über die sie sonst nicht lachen. Das können auch uralte Witze sein, die alle kennen, aber in der Gunst des Abends noch einmal zum Lachen verführen. So wie ich jedes Mal ein neues Publikum entdecke und locke, möchte ich mich auch immer wieder auf der Bühne neu entdecken.

 

Gibt es das eine, das gute Publikum?

Es gibt kein schlechtes Publikum. Für mich ist ein gutes Publikum eines das sich auf die Show und auf mich einlässt. Das mitkommt. Nur so funktioniert es. Ein gutes Publikum ist das Publikum, das sich mit mir, wie in einer Diamantenmine, in eine Lore setzt und mit mir Achterbahn fährt. Mit mir in den dunklen Stollen kommt, egal ob es rechts abgeht oder links. Ich will unterhalten, aber spannend.