Kay Ray überschreitet Grenzen
Von Bastian Hamacher
Wermelskirchen ist eine in mancherlei Hinsicht verwöhnte Stadt - erst recht kulturell. Die Bühnengäste, die sich in der Kattwinkelschen Fabrik die Klinke in die Hand geben, spiegeln ein "Who is Who" der deutschen Kleinkunstszene.
Als Journalist habe ich dieses unterhaltsame, kritische, manchmal schwer verdauliche und trotzdem wertvolle Ein und Aus in den vergangen acht Jahren genossen. Am Samstagabend indes wurde ich Zeuge eines Programms, das mich veranlasst, zum ersten Mal die Warte des objektiven Kritikers zu verlassen.
Im kleinen Saal der Katt gab der Hamburger Comedian Kay Ray sein hiesiges Debüt und machte sich daran, jegliche Schranken des Humors einzureißen. Zur Pause stand der bisexuelle, frisch verheiratete Vater einer Tochter nackt auf der Bühne und führte mit seinem Gemächt Yoga-Übungen wie den "Surfer" oder die "Schildkröte" vor. Kritik kann da nur subjektiv sein.
Und nicht nur war ich über mich selbst erstaunt, dass ich den Abend unterhaltsam und sehr komisch fand - ich war auch vom Wermelskirchener Publikum begeistert, dass nach der Pause in gleicher Zahl im Saal Platz nahm, gespannt darauf wartend, was denn jetzt noch kommen könne.
Mehrfach in den rund zweieinhalb Stunden mussten die 100 Zuschauer in sich hineinhorchen und mit Engelchen und Teufelchen Rücksprache halten: Ist das obszön oder unmoralisch? Finde ich das witzig? Darf ich das witzig finden? Auf jede dieser Fragen habe zumindest ich mit einem überzeugten "Ja" geantwortet. Egal ob Witze über Frauen, Männer, Contergan-Kinder, Papst, Moslems, Schwule, Lesben, Juden und polnische Reisegruppen in Auschwitz - warum denn eigentlich nicht drüber lachen?
"Moral ist ein Mangel an Gelegenheit", sagte Kay Ray noch im ersten Viertel seiner Show. Und das Publikum hat die Gelegenheit dankbar beim Schopf gegriffen, herzhaft und sehr befreit über all das zu lachen, wovon es sonst heißt: "Das tut man nicht." Ausgrenzung ist, wenn man eben keine Witze macht.
Natürlich macht es die Figur Kay Ray einfach, den konzeptionierten Tabubruch zu verzeihen: Dieser Parodie von Deutschland-sucht-den-Superstar-Kandidat und Harald Glööckler in Personalunion, diesem homosexuellen Paradepapagei, dieser Tunte im bedruckten Feinripp mit Eingriff gestehe ich das alles zu.
Nicht erstaunt war ich also, dass das Stammhaus von Kay Ray das Schmidt-Theater an der Hamburger Reeperbahn ist, aus dem der NDR lange Jahre die Mitternachtsshow sendete und in dem Künstler wie Olivia Jones ihre Wurzeln haben.
Und auch nicht davon, dass das Publikum Kay Ray mehrfach auf die Bühne zurückrief und Zugabe forderte. Ohne Verluste begleitete es den Entertainer durch den Abend. Kay Ray ist feinfühlig und geschickt genug, das Publikum über die Grenze des "feinen Geschmacks" zum archaischen Humor zu führen. Hamburger Rot-Licht-Kabarett in Wermelskirchen also. Dieser Abend musste irgendwann kommen. Wermelskirchen und die Katt hatten ihn sich verdient.






